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— Leseprobe · Prolog & Kapitel 1 —

Der erste Vers

Prolog vollständig, erstes Kapitel in Auszügen — Wortlaut der Novelle, unverändert.

— Prolog · Wallenborn · 1773 —

Es waren achtundzwanzig Tage gewesen, und Pater Konrad Hartmann hatte in jeder einzelnen Nacht das Gleiche getan: das Pergament zwischen den Fingern gefühlt und gezählt.

Drei Verse. Vierzehn Worte, die er nicht sehen durfte. Ein einziges Mal in seinem Leben hatte er sie angeschaut, am sechzehnten August in Rom, in einem Zimmer ohne Fenster, in dem ein Mann mit grauen Augen ihn auf Latein gefragt hatte, ob er das wirklich tun wolle.

Hartmann hatte genickt.

Der Mann mit den grauen Augen saß jetzt seit fünf Wochen in der Engelsburg. Man sagte, er habe Fieber. Hartmann glaubte nicht, dass es bei Fieber bleiben würde.

Es regnete, als er Wallenborn erreichte. Nicht der römische Regen, der mit Wärme kam und Pflaster glitzern ließ. Hier in der Eifel war der Regen kalt, ging waagrecht und lief Hartmann in den Kragen. Er trug keine Soutane, sondern den Ledermantel eines wandernden Steinhauers — gekauft in Trier, zusammen mit dem Stein.

Der Stein lag jetzt in seiner Satteltasche, in Tuch gewickelt, von der Größe einer Männerhand. Ein einfacher schwarzer Basalt, in den ein anderer Steinmetz vor zwei Wochen sieben Zeilen eingeritzt hatte. Der Steinmetz hatte nicht verstanden, was er schnitt. Ein Analphabet. Hartmann hatte ihn deswegen ausgewählt.

Am Rand des Dorfes band er das Pferd an einen Birkenstamm und ging die letzten siebenhundert Schritte zu Fuß. Das Dorf hieß Wallenborn. Die Quelle, zu der er ging, hieß auch Wallenborn — und sie war älter als das Dorf. Die Römer hatten dort einmal Tempel gehabt, wovon die Bauern nichts mehr wussten. Früh kam die Dunkelheit in der Eifel im November, und Hartmann wollte die Dunkelheit. Er wollte keine Zeugen, nicht einmal eigene Erinnerung an das Gesicht der Frau, die ihn vorhin am Brunnen gesehen und ihm nachgeschaut hatte, als er weiterritt.

Der Pfad zur Quelle führte an einem niedrigen Felsen vorbei, durch Buchen, die ihre Blätter bereits abgeworfen hatten. Der Boden war braun von gefallenem Laub und schwarz von feuchter Erde. Hartmann zählte seine Schritte. Bei dreihundertelf hörte er das Wasser.

Er blieb stehen.

In den letzten achtundzwanzig Tagen hatte er zwei Arten Wasser zu hören gelernt: das laute Rauschen eines Bachs, der etwas zu sagen hatte, und das leise Glucksen einer Quelle, die längst aufgehört hatte, mit jemandem zu sprechen.

Die Jesuitenquelle in Wallenborn gluckste leise.

Hartmann trat näher.

Sie lag in einer halben Grotte aus dunklem Basalt, fast eingestürzt, fast vergessen. Aus einer Spalte zwischen zwei Felsplatten rann Wasser, das im Halbdunkel beinahe schwarz aussah. Es schmeckte nach Eisen, das wusste Hartmann, weil der Brief des Generals es so beschrieben hatte. Sechs Männer hatten den Brief gelesen, bevor Hartmann ihn las. Sechs Männer, die jetzt in sechs Richtungen Europas unterwegs waren, mit sechs Steinen in ihren Satteltaschen.

Hartmann legte den Mantel ab und kniete neben der Spalte nieder.

Der Spätherbst war die einzige Zeit, in der das Wasser weit genug zurückging, um an die hintere Wand der Grotte heranzukommen — am tiefsten stand es im November. Mit der bloßen Hand griff er in das Wasser. Es war so kalt, dass die Hand für einen Moment taub wurde. Über ihm, ein paar Meter höher, war der Altar der Pfarrkirche. Hinter Glas: ein Splitter des Wahren Kreuzes. Die Bauern beteten morgens davor, ohne zu wissen, was unter ihren Füßen lag. Er ertastete die Wand, ertastete den Spalt, in den der Stein passen würde.

Er holte den Stein aus dem Tuch.

Einen Augenblick hielt er ihn in das schwindende Licht der Dämmerung, die sich zwischen den Buchen ausbreitete. Die Zeilen konnte er sehen, aber er las sie nicht. Er hatte sich versprochen, sie nie wieder zu lesen. Hartmann war kein Mann, der seine Versprechen brach.

In silentio Eyfeli, primus tacet.

Er flüsterte die Worte nicht. Er dachte sie nicht einmal. Den Stein schob er in den Spalt, drückte ihn fest, bis er saß, und zog die Hand wieder heraus. Die Wand der Grotte gab das schwarze Wasser frei. Das Wasser strömte über den Stein. Es lief und lief und würde laufen, in jedem Monat des Jahres, und es würde den Stein bedecken, und niemand würde wissen, dass er da war.

Bis im November in irgendeinem Jahr jemand käme. Jemand, der bestimmt war.

Hartmann stand auf. Sein Knie schmerzte. Er war zweiundvierzig, war seit dem August unterwegs und hatte davon achtundzwanzig Tage geritten. Zurückreiten würde er nicht. Seine Anweisung lautete: bleiben. In einem Dorf, das nicht Wallenborn war, aber in der Nähe. Unter einem Namen, der nicht Konrad Hartmann war. Als ein Mann, der Latein nicht konnte.

Dann nahm er den Mantel und drehte sich noch einmal um. Die Quelle lag dunkel zwischen den Steinen. Es war nichts zu sehen. Es war, wie es gewesen war, bevor er gekommen war.

Er dachte an den Brief des Generals, in einem Zimmer ohne Fenster in Rom, am sechzehnten August. Septem in pace dormiant. Mögen sieben in Frieden schlafen.

Hartmann fragte sich, in der einsetzenden Dunkelheit, ob er der Letzte sein würde, der diesen Stein berührte.

Er würde die Antwort nicht erfahren.

Er band das Pferd los und ritt weiter, dem Westen entgegen.

Zweihundertfünfzig Jahre später, an einem Mittwoch Mitte November, hielt Dr. Charlotte Vogt eine Vorlesung über die Auflösung des Jesuitenordens. Sie wusste nichts vom Stein, nichts von Hartmann, nichts von dem Brief in Rom.

Das würde sich in einunddreißig Stunden ändern.

— Kapitel 1 · Trier, November —

Wenn man Charlotte Vogt an einem Mittwochnachmittag Mitte November gefragt hätte, was sie tut, hätte sie gesagt: Ich verteidige tote Männer. Was sie meint, hätte sie nicht erklärt. Sie hätte trocken geschmunzelt und das Thema gewechselt.

Die toten Männer lebten in Trier. Fünfunddreißig Priester und achtzehn Laienbrüder, im Jahr 1773. Lehrer waren sie — an der Universität, im Seminar, in den Schulen. Zweihundertdreizehn Jahre lang. Dann, an einem Augustvormittag, beendete ein päpstlicher Brief ihre Existenz. Die meisten blieben in Trier. Manche unterrichteten weiter, ohne Habit, bis 1790. Dann starben auch sie — leise, allmählich, ohne Notiz.

Tatsächlich stand sie vor zwölf Studenten am Lehrstuhl für Kirchengeschichte und sprach über die Bulle Dominus ac Redemptor noster — und über einen Papst, der sie unterzeichnet hatte, ohne sie zu wollen.

„Clemens XIV.", sagte Charlotte und drehte sich vom Whiteboard zurück, „war ein Franziskaner. Er hatte vor seiner Wahl mit den Jesuiten kaum etwas zu tun. Und doch unterzeichnete er, vier Jahre nach seiner Wahl, das Dokument, das den größten katholischen Orden seiner Zeit aufhob."

Im hinteren Drittel des Hörsaals tippte jemand auf einem Handy. Charlotte registrierte es und tat, als hätte sie es nicht.

„Warum?", fragte ein Mann in der zweiten Reihe. Es war Reinwein, ein älterer Student, der sich mehr Mühe gab als die anderen. „Erzwungen?"

„Erpresst", sagte Charlotte. „Sagt die Forschung. Andere lesen es anders."

Ihr Handy vibrierte.

Ein Blick aufs Display. Werner Hoffmann. Sie nahm an.

„Ja, Pater."

„Charlotte." Hoffmanns Stimme war anders. Es dauerte eine halbe Sekunde, bis Charlotte erkannte, warum. In den sieben Jahren seit ihrer Promotion hatte sie ihn noch nie so gehört. Sie versuchte, das zu benennen, und merkte, dass sie es nicht konnte. „Wie war die Vorlesung?"

„Bulle, Ricci, vier Wochen. Wie immer."

„Hast du dein Latein dabei?"

„Im Büro."

„Gut. Das ist gut, Charlotte." Er atmete hörbar. „Bring es morgen früh nach Wallenborn."

Charlotte stellte die Tasche ab.

„Wallenborn."

„Wallenborn, in der Vulkaneifel."

„Ich weiß, wo Wallenborn ist, Pater." Sie war dort geboren. Sie war dort aufgewachsen. Ihre Großmutter wohnte dort. Hoffmann wusste das. „Was ist in Wallenborn?"

Es entstand eine Pause. Charlotte hörte etwas im Hintergrund. Es klang, als würde Hoffmann irgendwo draußen stehen, vielleicht auf einem Hof, vielleicht vor einem Haus. Es klang nicht nach seinem Büro in Trier.

„Morgen früh, sieben Uhr, am Pfarrhaus." Er sagte es so, als läse er es ab. „Bring dein Latein. Bring deinen Mantel. Sag niemandem, wo du hinfährst."

„Pater—"

„Bitte."

Charlotte hatte Hoffmann nie bitte sagen hören.

„Ist alles in Ordnung?"

„Das wirst du morgen entscheiden."

„Was werde ich morgen entscheiden?"

„Ob du das hier mit mir tun willst, Charlotte. Oder ob ich allein damit weiter muss."

Um Viertel vor sechs war sie in Wallenborn. Es war noch dunkel.

Sie stand vor dem Pfarrhaus, in dem kein Licht brannte.

Sie wartete.

Hoffmann kam nicht.

Ausgelassene Passagen mit „…" markiert — die vollständigen ca. 28.700 Worte findest du im Buch.

In silentio Eyfeli, primus tacet.
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