Die Quelle der Sieben
Band 1 der Septalogie — Prolog vollständig, zweites Kapitel in Auszügen. Wortlaut unverändert.
Meulenwald, nördlich Trier — Vulkaneifel. Spätoktober bis November 1773.
Er war seit dem August unterwegs.
Bei Tageslicht ritt er, hielt sich an Wege, die unter Bauern bekannt waren. In Trier war er zwei Wochen geblieben — länger, als klug gewesen war, und kürzer, als er sich gewünscht hätte. Dort hatte er den Mantel gewechselt: den schwarzen Reisemantel der Jesuiten gegen den Ledermantel eines wandernden Steinhauers, gekauft bei einem Händler, der sich an einen Steinhauer erinnern würde und an sonst nichts. Menschen behalten, was sie zu sehen erwarten. Das hatte Hartmann im Beichtstuhl gelernt, lange bevor er es brauchte, und in den letzten Wochen hatte er gelernt, es zu gebrauchen.
Jetzt war er im Meulenwald, irgendwo nördlich von Trier. Spätoktober. Die Buchen standen rot, hier und da fielen Blätter, ohne dass Wind ging. Der Boden war nass. Wenn er stehenblieb, konnte er hören, wie sein eigener Atem zwischen den Stämmen lag.
Hartmann stand still und hörte.
Es war kein Mensch in der Nähe. Das war wichtig.
Er nahm das Pferd am Zügel und ging weiter.
Die Satteltasche war schwerer, als sie aussah. In ihr lag eine Lederrolle mit drei Pergamenten, ein Schreibzeug und ein Stein, ungefähr von der Größe einer Männerhand, in Tuch gewickelt. Der Stein kam aus Trier, aus dem Lager einer Werkstatt, die Hartmann kannte, seit er laufen konnte — schwarzer Basalt, an zwei Abenden glatt geschliffen, und die Hand, die danach die sieben Zeilen hineingeschnitten hatte, konnte keinen einzigen Buchstaben lesen. Es war die Hand seines Bruders. Hartmann hatte ihn darum gebeten, gerade deswegen. Was einer nicht lesen kann, kann er nicht verraten.
In der Tasche lag noch eine vierte Sache. Ein Brief, mit Siegel.
Den Brief sollte er nicht öffnen.
Hartmann hatte sich in den ersten zwei Reisetagen mehrmals dabei ertappt, dass er die Hand in die Tasche legte und das Siegel mit dem Daumen prüfte. Es war ein Heptagon mit einer Sieben darin. Ricci hatte gesagt, dass er das Siegel kennen würde. Hartmann hatte nicht gesagt, dass er es nicht kannte. Einer der wenigen Augenblicke, in denen er Ricci gegenüber nicht ganz ehrlich gewesen war.
Er ging.
Die Strecke, die er gehen würde, hatte er sich nicht aufgeschrieben. Es gab keinen Plan auf Papier. Er trug ihn im Kopf. Trier, dann hinauf zur Mosel. Bei Wittlich abbiegen. Manderscheid. Dann in die Vulkaneifel hinein. Mit acht weiteren Tagen rechnete er, wenn das Wetter hielt. Wenn nicht, mit zehn. Es war nicht der kürzeste Weg. Es war der, auf dem niemand fragte.
Wallenborn.
Er hatte den Ort noch nie betreten. Nur auf einer Karte hatte er ihn gesehen, einmal, vor zwei Monaten, in Riccis Arbeitszimmer im Collegium Romanum. Ricci hatte die Karte aufgerollt und seinen Finger auf einen Punkt gelegt, der so klein war, dass nichts daneben stand. Kein Name. Nur Riccis Finger.
„Dorthin", hatte Ricci gesagt.
„Wallenborn?", hatte Hartmann gefragt, nach einer Pause, in der er den Namen erst hatte lesen müssen, halb verdeckt von Riccis Finger.
„Wallenborn."
„Warum dieser Ort?"
Ricci hatte ihn lange angeschaut. Damals war er neunundsechzig gewesen, dünn, mit der Geduld eines Mannes, der seine eigenen Antworten schon mehrmals gehört hatte. Er ließ die Karte los, und das Pergament rollte sich von selbst wieder zusammen, mit einem trockenen Laut.
„Weil dort jemand wartet", hatte Ricci gesagt.
„Wer?"
„Niemand, den Sie kennen. Sie weiß es noch nicht."
Daran dachte Hartmann jetzt, im Meulenwald. In diesen Tagen dachte er oft daran.
Sie weiß es noch nicht.
Es war kein Satz, der ihn beruhigte.
Drei Tage später, in der Nähe von Manderscheid, schneite es zum ersten Mal.
Während er aß, las er das dritte Pergament noch einmal. Es war Riccis Handschrift. Auf dem Pergament stand kein Auftrag mehr — der Auftrag war gestern in seinem Kopf vollständig geworden. Auf dem Pergament stand etwas anderes.
In silentio Eyfeli, primus tacet.
Et septima exspectat.
In der Stille der Eifel schweigt der Erste. Und die Siebte wartet.
„Sie werden noch einen Stein hinterlassen, Konrad — einen siebten. Er wird nicht den Vers tragen, den die anderen tragen. Er wird einen Namen tragen."
„Wessen Namen?"
„Den weiß ich nicht. Aber er wird in zweihundertfünfzig Jahren in der Welt sein. Und dann wird er auch dort sein, wo Sie ihn hinlegen."
Hartmann hatte daraufhin gefragt, ob das eine Bestellung sei oder eine Bitte. Ricci hatte gelächelt. Dann hatte er gesagt: „Es ist beides nicht. Es ist eine Verabredung."
Am achtundzwanzigsten Tag im Sattel sah er die ersten Lichter Wallenborns durch den Regen.
Er war nicht müde, obwohl er die letzten zwanzig Kilometer ohne Pause geritten war. Hungrig war er auch nicht. Er war nur sehr klar — diese Klarheit, die manche Männer im Krieg hatten, wenn sie wussten, dass sie am nächsten Morgen kämpfen würden, und nicht wussten, ob sie überleben würden.
Er war nicht im Krieg. Nur einen Stein hatte er in der Tasche, drei Pergamente und einen Brief, den er nicht öffnen sollte.
Niemand würde ihn fragen, woher er kam. Er war der dritte fremde Mann, der in diesem November durch Wallenborn ging, und keiner der ersten beiden hatte einen Grund hinterlassen, sich zu erinnern.
Er ging zur Quelle.
Dann drehte er sich um und stieg hinab, den Stein in der Satteltasche über der Schulter, den Namen im Kopf, den sein Vater ihm gegeben und den sein Bruder in Trier geschnitten hatte, ohne ihn lesen zu können. Es war kein Name aus dieser Welt. Es war kein deutscher Name in der Form, wie deutsche Namen 1773 klangen — Charlotte war französisch, oder bei Hofe vielleicht, kein Eifeler Bauernname. Aber Ricci hatte gesagt: „Sie werden wissen, was Sie tragen, wenn Sie es brauchen."
Niemand würde ihn finden, bis sie kam. Das hatte Ricci gesagt. Und sie würde kommen, weil man es Ricci versprochen hatte, und Ricci hatte es Hartmann versprochen, und Hartmann würde es in dieser Nacht dem Wasser versprechen.
Der Regen lief ihm in den Kragen.
Über Wallenborn ging die Nacht herunter wie ein Tuch.
„— und genau diese Frage hat Lorenzo Ricci nie öffentlich beantwortet."
Charlotte ließ den Satz in der Luft stehen, weil sie wusste, dass er stand — sie wusste es daran, dass keiner der acht Studenten am Tisch hochschaute. Wer hochschaut, hat noch nicht zugehört.
„Am sechzehnten August siebzehnhundertdreiundsiebzig", sagte sie, „verkündet Clemens der Vierzehnte die Bulle Dominus ac Redemptor. Die Gesellschaft Jesu wird aufgelöst. Dreiundzwanzigtausend Jesuiten weltweit verlieren ihren Orden über Nacht. Ricci, der Generalobere, wird sechs Wochen später in der Engelsburg eingesperrt. Er stirbt dort siebzehnhundertfünfundsiebzig. Die Umstände — strittig."
„Die Frage, die uns interessiert, lautet nicht: Warum hat Clemens die Bulle erlassen. Die Antwort darauf ist banal — die katholischen Kronen Europas haben ihn dazu gezwungen. Die Frage, die uns interessiert, lautet: Was hat Ricci in den letzten Wochen vor seiner Verhaftung getan."
Dann drehte sie sich zur Tafel und schrieb ein Datum. 21. Juli 1773 — 16. August 1773.
„Sechsundzwanzig Tage. So lange wusste Ricci, dass es kommen würde. Was haben wir gefunden? Wir haben gefunden, dass Ricci in diesen sechsundzwanzig Tagen nichts dokumentiert hat. Keine Aktenvermerke. Keine Anweisungen. Schweigen."
Das Wort schrieb sie an die Tafel. Silentium.
„Das ist ein theologisch sehr beladener Begriff. Silentium in der ignatianischen Tradition ist nicht das Fehlen von Worten. Es ist eine Haltung. Eine Form der Bewahrung."
In ihrer Tasche an der Bank summte es, kurz, dann noch einmal, gedämpft durch das Leder.
…
Charlotte ging zur Bank, an der ihre Tasche stand, und nahm das Telefon heraus.
Sieben verpasste Anrufe.
Alle vom Sekretariat des Lehrstuhls Hoffmann.
„Sekretariat Hoffmann, Becker."
„Frau Becker. Charlotte Vogt. Sie haben —"
„Frau Doktor Vogt." Die Stimme der Sekretärin war anders als sonst. Sie war nicht laut. Sie war eingespannt. „Wo sind Sie?"
„In der Uni. Was ist los?"
„Frau Doktor. Es geht um den Professor."
„Was ist mit ihm?"
„Er ist —" Wieder die Pause. „Er ist gefunden worden. Heute Morgen. In der Eifel."
Charlotte wusste, was gefunden worden bedeutete, bevor Frau Becker es sagte.
„Wie gefunden worden", sagte Charlotte.
„Im Schnee. Bei Wallenborn. Die Polizei hat hier angerufen, um halb zwei. Sie waren in der Vorlesung."
„Wallenborn?"
„Ja."
„Frau Becker. Wann genau ist er gefunden worden, und wer hat ihn gefunden?"
„Heute Vormittag, kurz nach neun. Ein Spaziergänger aus Wallenborn, mit seinem Hund. An der Jesuitenquelle. Sie wissen, wo das ist."
Sie wusste, wo das war.
„Frau Doktor Vogt. Da ist noch was."
„Sie haben einen Vers neben ihm gefunden. In Latein. Auf einem Stück Pergament. Die Polizei hat gesagt, sie verstehen das nicht, und sie haben den Lehrstuhl angerufen, weil sie wussten, dass Hoffmann hier ist — war. Und ich habe gesagt, dass Sie das übersetzen können. Frau Doktor, Sie sollten kommen."
Im Büro packte sie zusammen.
Aus der Schale auf dem Schreibtisch hob sie die Uhr — Annas Taschenuhr, die Uhr von Sebastian Vogt, gefallen in Stalingrad 1943. Du wirst sie brauchen, Kindchen. Männer haben heute keine Taschenuhren mehr. Aber Frauen, die Geschichte machen, sollten eine haben. Sie zog die Uhr auf, einmal, zweimal, dreimal, bis der Widerstand kam. Die Uhr tickte. Zurück in die Innentasche.
Im Treppenhaus rief Frau Becker noch einmal an.
„Frau Doktor Vogt. Eines noch. Die Polizei sagt — sie sind nicht sicher, ob es Mord war. Er hatte einen Herzschrittmacher. Es kann auch ein natürlicher Tod sein. Aber dieser Vers." Frau Becker wusste nicht, wie man das aussprach. „Er liegt — wie hingelegt. Verstehen Sie."
Charlotte verstand.
„Frau Becker", sagte sie. „Sagen Sie der Polizei in Daun, dass ich in vier Stunden da bin. Eher schaffe ich es nicht."
„Soll ich Ihnen jemanden organisieren, der mitfährt?"
„Nein."
Sie legte auf und ging die Treppe weiter hinunter, vier Stufen auf jeder Etage. Eins, zwei, drei, vier. Schon einmal hatte sie das getan, mit siebzehn, im April, in einem anderen Treppenhaus, in einem Krankenhaus in Bonn. Vier Stunden bevor ihr Vater gestorben war.
Sie zählte trotzdem weiter.
Auf der A1 in Richtung Wittlich, neunzig Minuten später, würde ihr einfallen, dass Hoffmann am Morgen — an diesem Morgen, vor seinem Tod — keinen Grund gehabt hatte, in Wallenborn zu sein. Er hatte ihr am Sonntag gesagt, er fahre nach Bonn. Eine Tagung am Donnerstag, Vorbereitung am Mittwoch. Bonn.
Aber das fiel ihr erst auf der A1 ein.
Auf dem Universitätsparkplatz, sechzehn Uhr neunzehn, fuhr sie einfach los.
Der Regen wurde dichter, kurz vor der Stadtgrenze. Auf der Höhe der Mosel ging er in Schnee über.
Ausgelassene Passagen mit „…" markiert — der vollständige Roman hat ca. 106.500 Worte.
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Der Quellen-Brief
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